Gholam Ghanizadeh - Ansprache zum Morgenland Konzert am 08.02.08

wer bin ich?
komme ich doch von weit her
komme
von jenem überwältigenden Reichtum an Komposition
und Dekor 
der persischen Farben
der persischen Klänge
jener Reichtum der mich schlägt
blaue Flecken
wie eine trockene Kälte
mit der Kunst der unsichtbaren Liebe

und ich in dieser fragmentarischen Zeit
plötzlich
in der Ödnis der Fremde
fern vom Mutterblick
fern von Vaters Garten
inmitten der Stille
eingeladen am runden Tisch

Oh das Runde des Mundes
erhellt meine Flamme
und die Treue
die dem Echo meiner Schmerzen widersteht
zu den Türmen und Glocken jener Stadt
wo die Sterne funkeln
wo meine Freude für die Liebe erblüht

Laß mich die Marmorbrücke schlagen
im wilden Meer
laß mich für meine Wunde
das ewige Lied singen

für Orient
und Okzident!

Ich komme aus polarisierten Lichtern
und aus der dunkleren Gardine.
Reich geboren bin ich im Land der Sonne,
reif geworden im Lande Wonne.

Ich bin ein Wanderer in der Berge Schoß
O’ Weimar! Gott vergönne dir,
du Schöne, allezeit ein glücklich Los

Hier lenke ich die Schritte und erflehe des Geistes Gunst
von den Menschen, die gesegnet sind mit Wissenschaft und Kunst.

O’ Goethe, O’ Hafez!
Ich werde noch weinend den Wein trinken,
und werde taumeln,
und werde doch frei umher schauen,
gibt Antwort! Du Neugeborener!
Gibt’s eine hier in dieser Stadt,
der nicht genauso wäre?

O’ Weimar!
O’ Shiraz!
Obwohl ich Angst habe,
bin ich selber ja nur jedweder Art
von Lustbarkeit beständig
auf der Spur und auf der Spur
euerer vereinten Seele
und ich bin, der jene Menschen
euch, vom Himmel, von der Erde,
möchte betrachten für ewig.

Ein ewiger Tag vergeht nimmer.
Und heute ist der Tag der Ewigkeit.
Der Tag für gestern und für morgen,
für Morgen und für Frühling.

Ich presse eueren glühenden Herzen,
da die Wahrheit des Lebens bleibt ewig,
da die Liebe bleibt beständig,
in dieser Welt und in der Nachwelt.

Das ist mein Zeichen,
dass ich auch ja
die unsichtbare Gasse überquere,
dass ich auch ja
euren unsichtbaren Weg fortfahre
und dieser Weg ist mein Schicksal,
er ist weder weit noch gar leicht.

Einen langen Weg fahre ich fort,
der mir unendlich erscheint,
im fremden Morgenland,
dass es mir nie fremd erscheint.

Stumm und allein,
fand ich den Urstoff der Liebe,
und fand das Geheimnis der duftenden Rose
zwischen Shiraz und Weimar,

wie ein Tropfen im Meere,
werde ich doch schwanken,
in jeder Zeit,
in der Mitte des Abend – und Morgenlands
im Zentrum des Himmels, der Erde.
Als Wanderer verbringe ich meine letzten Jahre
Eine Vorbereitung ist aufs Unsichtbarer.

Ich komme von weit her.
Vom Okzident, vom Orient

und fühle mich; wäre ich zu Hause,
und freue mich: wäre ich in eurem Schoß,
und wünsche:  wäre ich nicht sichtbar
weder in Shiraz noch in Weimar
Doch!
In eurer unsichtbaren Liebe.
Im Orient und im Okzident.

…und basta!

(Gholam Ghanizadeh)

1- Ghazal: Farid-addin Attar-e Nishaburi (12.Jh.)

Versunken bin ich in einem Meer, dessen Ende ich nicht sehe,
Heimgesucht bin ich von einem Schmerz, dessen Heilung ich nicht sehe.

Wenn du den Geliebten suchst, verzichte o Herz auf dein Leben,
denn wer die Kerze des geistes sucht, hat keine Furcht zu verlöschen.
Warum trachtet ihr nach einem Schatz, dessen Geheimnis ich nicht schaue?
Warum suche ich einen Weg, dessen Ende ich nicht sehe?


3- Ghazal: Farid-addin Attar-e Nishaburi (12.Jh.)

Wie sollte ich um dieses uferlose Meer wissen,
dessen Dunst zum Himmel und dessen Boden zur Erde wird?

Überall am Meer herrscht Unglaube, Gläubige sind das Meer;
Die Perlen des Meeres aber sind jenseits von Glauben und Unglauben!


4. Ghazal: Djalal-addin Mohammad Balchi-ye Rumi (13.Jh.)

Klage nicht o Herz, auf das mein Geliebter es nicht hört.
Fürchtest du dich etwa nicht o Herz vor meinem kühnen Geliebten?

Schreite nicht o Herz in mein Blut, in meine Tränenflut,
hast du meine bittere Klage nicht gehört, vom Abend bis zur Morgenröte?

Um Gnade bat ich, um mein Leben; nun will ich,
dass du einmal noch meinen Rausch stärkst, du berauschender Schenk!

In deine Falle bin ich geraten; wie könnte ich mich verlieren ohne deinen Kelch?
Tausche meine Seele gegen einen Becher und sieh, wie wertvoll ich werde!


5 & 8 – Ghazal: Houshang-e Ebtehadj H.E. Sayeh (20Jh.)

Der Vogel meines Herzens gewöhnte sich so sehr an die Schlinge deines Leidens,
dass ihm die Erinnerung an das Paradies in diesem Käfig nicht schwindet.

Im Duft Deiner Locke verweile ich in dieser dunklen Nacht,
wie könnte ich sonst wie die Morgenröte atmen!

Flehende Tränen opfere ich für das Seufzen des Morgens,
da dein schenkender Saum, o Rose, mir doch nicht abhanden kommt.

Nun brenne o Herz, und entflamme mit der Seele das Feuer der Liebe,
weil aus dieser Lampe kein Rauch ins Auge geht.

Wie schön ist das schlagen der Nachtigall meiner Dichtung,
denn die Anmut der Rose kann nicht jeder Dorn besingen!

6- Ghazal: Shams-addin Mohammad Hafis-e Shirazi (14.Jh.)

Wer erzählt den Zustand des blutigen Herzens wieder ?
Wer verlangt vom Himmel das Blut des irdenen Weinkrugs zurück?
Wer, wie die Tulpe den Kelch kreisen lässt,
wird unheilsam seine Wange mit Blut waschen.

Außer Platon, der ruhende Wein im Fass:
Wer wagt das Geheimnis der Philosophie uns zu offenbaren ?


9- Ghazal: Shams-addin Mohammad Hafis-e Shirazi (14.Jh.)

Einen NU mit dem Leid leben, ist nicht die Welt wert,
verkaufe meine Kutte für Wein, denn sie hat keinen besseren Wert.

In der Gasse des Schenken wird mein Pfand nicht angenommen,
O wie schön ist der Gebetsteppich der Tugend, er ist nicht mal einen Becher wert.
Manch Tadel und Verweis vernehme ich von meine Gegnern,
was für ein Los traf mein Haupt, dass es des Türstaubs nicht wert.

Die Pracht der Sultanskrone, welche mit der Furcht der Lebens verbunden,
ist eine betörende Mütze; den Kopf dafür hergeben ist sie aber nicht wert.

Leicht erschien das Leiden der Seefahrt, als noch der Duft des Gewinns lockte,
doch wie irrte ich mich, da dieser Taifun nicht hundert Perlen wert.

Es wäre besser, wenn du dein Antlitz vor dem Sehnsüchtigen verbärgest,
denn die Freude der Welteroberung ist die Mühe für ein solches Heer nicht wert.


O glücklich! wer noch hoffen kann,
Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen.
Was man nicht weiß, das eben brauchte man,
Und was man weiß, kann man nicht brauchen.
(Johann Wolfgang von Goethe)


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